Firmengeschichte

1996 Gründung der Antiquariatsbuchhandlung

Das „Antiquariat H. P. Willi“ wird am 1. Januar 1996 mit Sitz in Tübingen, Hintere Grabenstraße 47, gegründet. Eröffnung ist am Samstag, 3. Februar 1996.

Von Anfang an kristallisieren sich folgende Schwerpunkte heraus: Geisteswissenschaften, insbesondere Philosophie und Theologie, sowie Literatur.

Der erste gedruckte Katalog erscheint als kleine Liste zum 26. Mai 1996, dem 20. Todestag Martin Heideggers. Dieser Katalog 1 enthält Bücher von und über Heidegger, viele Erstausgaben und auch signierte Exemplare.

1997 Erste Messeteilnahme

Schon bald nimmt H. P. Willi als Aussteller auf Antiquariats-messen teil: zuerst 1997 in Leipzig. Es folgen in den nächsten Jahren Messen in Hamburg (Quod Libet), Düsseldorf, Wien und Ludwigsburg (Antiquaria).

Zur Antiquariatsmesse in Leipzig erscheint im März 1997 der Katalog 2 mit seltenen und wertvollen Büchern; Katalog 3 folgt im Herbst zur Quod Libet in Hamburg.

1998 Katalog „500 Jahre Buchdruck in Tübingen“

Zum 500-jährigen Buchdruckjubiläum am 24. März 1998 legt H. P. Willi seinen Katalog 4 vor, in dem 500 Bücher dokumentiert und angeboten werden, die in Tübingen gedruckt bzw. verlegt wurden (vom ersten in Tübingen gedruckten Buch über Erstausgaben so berühmter Bücher wie Reuchlins Augenspiegel, Nauklers Weltchronik und Hölderlins Gedichte bis hin zur Tübinger Buchproduktion im 20. Jahrhundert). Dieser Katalog wird 1998 im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels („Aus dem Antiquariat“ 5-1998, S. A371-374) von dem Verleger Helmut Buske ausführlich besprochen; auch im Feuilleton der ZEIT ist dazu ein Artikel zu lesen.

Das Titelblatt von Reuchlins „Augenspiegel“ (Tübingen 1511) avanciert zum Signet / Logo von H.P.Willi.

1999 Umzug in die Wilhelmstraße 8 – Buchhandlung & Verlag

Nach drei Jahren, zum 1. Januar 1999, erfolgt der Umzug in die Wilhelmstraße 8 in Tübingen.

In der besseren Lage und auf der doppelt so großen Fläche wie bisher, verteilt auf zwei Räume, kommt zu dem Handel mit dem antiquarischen auch der Handel mit dem neuen Buch hinzu.

Mit dem 1999 erschienen Reprint der Sämtlichen Werke Johann Georg Hamanns wird H. P. Willi auch verlegerisch tätig. Die Neuausgabe Hamanns wird im selben Jahr in der FAZ (von Roland Kany) und in der ZEIT (von Günter Figal) besprochen; es folgen weitere Besprechungen in Zeitungen und Fachzeitschriften.

2000 Internet-Auftritt

Nachdem H. P. Willi seit Herbst 1999 antiquarische Titel auch über das zvab (= Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher) im Internet anbietet, entsteht im Jahr darauf die eigene homepage. Das Internet erweist sich mit seiner weltweiten Vernetzung und Recherchemöglichkeit als ideales Medium des spezialisierten Antiquariats- und Fachbuchhandels.

Erste Teilnahme als Aussteller an der Antiquariatsmesse in Ludwigsburg (Antiquaria).

2001 Einreichung der Doktorarbeit

H. P. Willi schließt seine Doktorarbeit ab und reicht sie im Herbst 2001 ein.

2002 Promotion

Die evangelisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen promoviert H. P. Willi im Juli 2002 zum Dr. theol.

2003 Dissertation erscheint als Buch

Die von Prof. Dr. Eberhard Jüngel betreute Dissertation H. P. Willis erscheint im Juni 2003 unter dem Titel „Unbegreifliche Sünde. Die christliche Lehre von der Sünde als Theorie der Freiheit bei Julius Müller (1801-1878). Mit einem Anhang der Tagebuchnotizen Kierkegaards über die Sündenlehre von Julius Müller“ als Band 122 der „Theologischen Bibliothek Töpelmann“ im Verlag Walter de Gruyter, Berlin und New York.

2004 Besuch von Jürgen Habermas

Im Juni 2004 kommt Jürgen Habermas anläßlich eines Vortrags nach Tübingen und besucht bei dieser Gelegenheit auch die Buchhandlung H. P. Willi zu einer Signierstunde.

Eine erste Rezension der Dissertation von H. P. Willi kommt in der „Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte“ heraus (Jahrgang 2004, Band 11, Heft 2, S. 311-321); Verfasser ist Gunther Wenz (München).

2005 Artikel im Literaturblatt

Im „literaturblatt für Baden und Württemberg“ Heft 5-2005 (September/Oktober) wird die Buchhandlung H. P. Willi als eine der Partnerbuchhandlungen des „literaturblatts“ vorgestellt (Seite 22).

Am 16. November 2005 gedenkt die Buchhandlung H. P. Willi mit einer Veranstaltung im Schlatterhaus des 150. Todestages von Sören Kierkegaard (11.11.1855): Dr. Tim Hagemann liest vor gut 60 Gästen aus den Tagebüchern Kierkegaards. – Seit Jahren trifft sich in den Räumen der Buchhandlung H. P. Willi auch ein Kreis, in dem Texte von Sören Kierkegaard gelesen und diskutiert werden.

2006 Zehnjähriges Geschäftsjubiläum

Antiquariat, Buchhandlung & Verlag H. P. Willi feiert am 1.1.2006 (Gründung) bzw. am 3.2.2006 (Eröffnung) das 10-jährige Firmenjubiläum.

Im Januar und April erscheinen zwei weitere Rezensionen der Dissertation H. P. Willis: in der „Theologischen Literaturzeitung“ (131. Jahrgang 2006, Heft 1 Januar 2006, Spalte 68-71) von Mareike Reinwald (Essen) und in den „Theologischen Beiträgen“ (37. Jahrgang 2006, Heft 2, Seite 104-105) von Jürgen Boomgaarden (Marburg).

Am 17.7.2006 hält H. P. Willi im Evangelischen Stift zu Tübingen den Vortrag: „Des vielen Büchermachens ist kein Ende – Theologische Literatur im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ökonomie“. Dieser Vortrag kann auf dieser Homepage im Blog gelesen werden.

Nachtmagazin 17.11.2006ARD, Nachtmagazin, 17.11.2006 (Beitrag zum „Tag der Philosophie“ von Volker Schwenck)

 

 

 

 

 

 

 

2007

Als Aussteller Ende Januar 2007 auf der 21. Antiquaria in Ludwigsburg (bisher hat H. P. Willi dort insgesamt achtmal ausgestellt).

Der Aufsatz „Magnificare peccatum – Julius Müllers Beitrag zur christlichen Lehre von der Sünde“ erscheint in: Theologische Beiträge, 38. Jahrgang 2007,´Heft 2 (April 2007), Seite 77-93. Darin faßt H. P. Willi die Thesen seiner Dissertation zusammen.

2010 – 2011 Fünfhundert-Jahr-Feier von Reuchlins Augenspiegel 1510-1511

Vor 500 Jahren schrieb Johannes Reuchlins sein Gutachten für den Kaiser (1510), das ein Jahr später zusammen mit anderen Texten von Reuchlin unter dem Titel „Augenspiegel“ in Tübingen von Thomas Anshelm gedruckt wurde (1511). DIE ZEIT bringt dazu in ihrer Ausgabe vom 5.1.2011 einen ganzseitigen Artikel von Peter Wortsman (Nr. 2, Seite 16). Zur Frankfurter Buchmesse 2011 veröffentlicht Heike Schmoll einen ebenfalls ganzseitigen Artikel in der FAZ. Auch das Schwäbische Tagblatt druckt einen ganzseitigen Beitrag ab; Verfasser ist Wilhelm Triebold. Zum Jubiläum publiziert H.P.Willi im eigenen Verlag eine Schrift über „Reuchlin im Streit um die Bücher der Juden“. Die Stadt Tübingen benennt eine Straße nach Johannes Reuchlin. Die Universität Tübingen ehrt Reuchlin mit einer Ringvorlesung im Wintersemester 2011-2012, die von H.P.Willi angeregt und von Prof. Dr. Sönke Lorenz organisiert und mit großartigem Einsatz durchgeführt wurde. Das Buch dazu erscheint 2013:

Lorenz, Sönke; Mertens, Dieter: Johannes Reuchlin und der „Judenbücherstreit“. Hrsg.v. Herausgegeben vom Verein der Freunde und Förderer des Instituts für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen e.V.   Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte. 25.11.2013.   270 S.   240.0 mm x 170.0 mm. 978-3-7995-5522-7  – Jan Thorbecke Verlag –  GEB        24,90 EUR       
Vorwort (Dieter Mertens) – Reuchlin und die Universität Tübingen (Sönke Lorenz) – Johannes Reuchlin und der Judenbücherstreit (David H. Price) – Das Bild vom Juden im Deutschland des frühen 16. Jahrhunderts (Hans-Martin Kirn) – Johannes Reuchlin und die Anfänge der christlichen Kabbala (Saverio Campanini) – Reuchlin im Gefüge des Renaissance-Humanismus (Matthias Dall’Asta) – Reuchlin als Jurist (Wolfgang Schild) – Von Reuchlin lernen: Zum Dialog zwischen den Religionen (Hans-Rüdiger Schwab) – „Großes Unheil wird daraus entstehen“ Die Judenpolitik Maximilians I. (David H. Price) – Die Familie Reuchlin: Eine genealogische Bestandsaufnahme (Günther Schweizer)
 

2012 Artikel im Buchreport, Relaunch der Homepage

Im August 2012 erscheint im Buchreport-Magazin ein 4-seitiger Artikel über die Buchhandlung H.P.Willi unter der Überschrift „Gute Fachgespräche neben der Rennstrecke“ (Seite 24-27). Der Bericht, dessen Autorin Maria Ebert ist, fügt sich ein in die Buchreport-Reihe „Meine Buchhandlung“ und ist auf Empfehlung von Verleger Georg Siebeck entstanden.
Außerdem erfolgt im August 2012 ein Relaunch der homepage www.hpwilli.de – mit tausend Dank an Markus Siepmann!

2015  Predigt am Ewigkeitssonntag – „Veritas hebraica“ – Johannes Reuchlin als Hebraist

Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag am 22.11.2015 in der Tübinger Kreuzkirche. Predigt von H.P.Willi zu 3. Mose 19,34: „Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst!“ Diese Predigt erscheint gedruckt 2021 in dem Sammelband: PASTOR BONUS. Theologie für die pastorale Praxis. Festschrift für Volker Spangenberg. Herausgegeben von Michael Kißkalt, Andrea Klimt und Martin Rothkegel. Kassel 2021. ISBN 978-3-87939-090-8. Seite 387-393.

Ende 2015 erscheint von H.P.Willi der Aufsatz „>Veritas hebraica< – Johannes Reuchlin als Hebraist“ in der Festschrift: Thorsten Dietz und Norbert Schmidt (Hrsg.), Wort – Wahrheit – Wirklichkeit, Beiträge zum Gespräch mit Heinzpeter Hempelmann, Gießen 2015, Seite 127-158.

2016  Zwanzigjähriges Geschäftsjubiläum

Antiquariat, Buchhandlung & Verlag H. P. Willi feiert am 1.1.2016 (Gründung) bzw. am 3.2.2016 (Eröffnung) das 20-jährige Firmenjubiläum.

Das Deutschlandradio Kultur sendet am 22.04.2016 Leseempfehlungen von H.P.Willi zu Platon (Politeia), Augustinus (Confessiones), Kierkegaard (Entweder – Oder). Unter „Blog“ kann dieses Interview hier heruntergeladen und angehört werden.

Jan Snela veröffentlicht im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 37 am 15.9.2016 auf Seite 33 unter dem Titel „Eine von Feiningers Kathedralen“ einen Text über seine „Lieblingsbuchhandlung“ H.P. Willi (der Text ist mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und des Börsenvereins auf dieser Homepage nachzulesen). Jan, Snela, 1980 in München geboren, studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik in München und Tübingen. Für die Titelgeschichte aus seinem im Frühjahr 2016 erschienenen Erzählband „Milchgesicht“ (Klett Cotta) ist er beim Open Mike-Wettbewerb prämiert worden.

2017  „Ein Vater neuer Zeit“: Reuchlin, die Juden und die Reformation

Im Jahr 2017 wird das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation gefeiert. H. P. Willi beteiligt sich in mehrfacher Hinsicht.

Anfang 2017 wird H. P. Willi vom Tübinger Stadtmuseum kontaktiert, als man dort mit den Planungen für die Ausstellung „Ein Vater neuer Zeit“ – Reuchlin, die Juden und die Reformation beginnen will. H. P. Willi hat gerne die Vorbereitung und Durchführung der Ausstellung, die ein offizieller Beitrag der Stadt Tübingen zum Reformationsjubiläum 2017 war und von Oktober 2017 bis Februar 2018 zu sehen war, aktiv begleitet. Er schreibt einen Beitrag für den Ausstellungskatalog: Hans-Peter Willi, Reuchlins Augenspiegel (1511) – ein Manifest für Recht, Freiheit und Toleranz; in: Robert, Jörg/Blattner, Evamarie/Ratzeburg, Wiebke (Hg.): „Ein Vater neuer Zeit“ – Reuchlin, die Juden und die Reformation. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Stadtmuseum Tübingen (Tübinger Kataloge Nr. 104), Tübingen 2017 (ISBN 978-3-941818-33-0), S. 183-197. Laut Information des Stadtmuseums wird die Ausstellung insgesamt von 6830 Personen besucht (in 4 Monaten).

H. P. Willi beteiligt sich an der Reformations- und Martin-Luther-King-Ausstellung in der Tübinger Kreuzkirche (Baptisten), die im Frühjahr 2017 stattfindet. Höhepunkte sind ein Gottesdienst zum Gedenken an den Todestag von Martin Luther King am 4.4.2017 und eine Lesung und Buchvorstellung mit Büchern von und über Martin Luther King am 31.3.2017.

Im Frühjahr 2017 nimmt der Knesebeck Verlag mit H. P. Willi Kontakt auf wegen des Vorhabens, in einem Buch zu seinem 30-Jahr-Jubiläum „Meine schöne Buchhandlung“ auch die Buchhandlung H. P. Willi in Bild (Fotos von Andreas Licht) und Text (Maria Platte) zu vozustellen. Das 4-seitige Porträt trägt den Titel „Ein eigener Kosmos“ – „Die gelehrte Buchhandlung in der Universitätsstadt“ (Oktober 2017, ISBN 978-3-95728-107-4). Insgesamt werden in dem Buch 35 Buchhandlungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gewürdigt.

Katherine Adams (Studentin aus den USA, zu einem Sommer-Sprachkurs 2017 in Tübingen) schreibt in ihrem Erfahrungsbericht, der am 25.8.2017 im Schwäbischen Tagblatt veröffentlicht wird: „Ich bin zwei- oder dreimal zu H.P. Willis Buchhandlung gegangen … Diese Atmosphäre mit Wänden voller Bücher empfand ich ähnlich wie in Hermann Hesses alter Buchhandlung, die ich auch besucht habe. Ich habe mir vorgestellt, der Willi-Buchhändler wäre ein moderner Hesse. Bei Willi kam manchmal jemand herein und hielt eine kleine Vorlesung. >… und Levinas hat den Anderen divinisiert<, dozierte einer …“.

In der Evangelischen Martinskirche Tübingen findet im Herbst 2017 eine Ausstellung des Tübinger Künstlers Prof. Dr. Axel von Criegern statt: mit dem Bilderzyklus „Augenspiegel.2017“. Diese Ausstellung wird begleitet von einer Vortragsreihe zum Reformationsjubiläum. H. P. Willi wird von dem Organisator Pfarrer Christoph Cless eingeladen, am Abend der Ausstellungseröffnung (12.10.2017) einen Vortrag zu halten, der dann 2018 auch veröffentlicht wird: „Reuchlin und die veritas hebraica“. – Zum Künstler: https://axel-von-criegern.de/

Dorothee Hermann schreibt anlässlich des Erscheinens des Knesebeck-Buches ein sehr schönes Porträt der Buchhandlung H. P. Willi und ihres Inhabers. Es erschien am 19.12.2017 unter der Überschrift „Lektüre für den Morgen und Lektüre für den Abend“ auf der Tübingen-Seite im Schwäbischen Tagblatt (mit einem Bild von Andreas Licht, Paris).

2018  „Reuchlin und kein Ende“ – Deutscher Buchhandlungspreis 2018

Am 1.2.2018: Podiumsdiskussion „Reuchlin und kein Ende“ im Tübinger Stadtmuseum mit zahlreichen Besuchern.

Der am 12.10.2017 in der Tübinger Martinskirche gehaltene Vortrag erscheint in der Druckfassung in den Theologischen Beiträgen (Heft 2, April 2018, S. 88-101): H.P.Willi, Reuchlin und die veritas hebraica. Wie „Deutschlands erster Humanist“ die hebräische Sprache erforschte und für das Recht der Juden eintrat.

Zum 40-jährigen Jubiläum des Tübinger „konkursbuch Verlages Claudia Gehrke“ erscheint im Juni 2018 das Konkursbuch Nr. 55 „Über Bücher“. Die ersten 666 Exemplare sind nummeriert und von der Verlegerin signiert. Auf den Seiten 210-216 beantwortet H. P. Willi die Frage, wie er dazu gekommen ist, als Logo seiner Buchhandlung das Titelblatt einer mehr als 500 Jahre alten Schrift auszuwählen: Reuchlins Augenspiegel. Damit reiht er sich in die Schar der zahlreichen Gratulanten ein, die in diesem Konkursbuch vertreten sind.

Nachdem im November 2011 die ersten „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Tübinger Juden durch den Künstler Gunter Demnig in der Tübinger Südstadt verlegt wurden, kam es am 10. Juli 2018 zur Zweiten „Stolperstein“-Verlegung: jetzt erstmals in der Tübinger Innenstadt. Angeregt und organisiert wurde die Zweite Tübinger „Stolperstein“-Verlegung durch die Stolperstein-Initiative unter Leitung von Prof. Dr. Günter Häfelinger; auch die Tübinger Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) war daran beteiligt. Zahlreiche Angehörige und Nachfahren der Tübinger Juden waren zu diesem Anlass angereist: aus Israel, England, Frankreich und den USA – darunter auch eine Überlebende aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zur Abschlussveranstaltung in der Tübinger Kreuzkirche wurde H.P.Willi zu einem Festvortrag über Reuchlin als Erforscher des Judentums und Verteidiger der Juden und ihrer Bücher eingeladen. Der Vortrag wurde im Blick auf die angereisten jüdischen Gäste simultan ins Englische übersetzt und fand unter den Zuhörern durchweg eine sehr positive Resonanz. 

Nähere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Tübingen

 

Deutscher Buchhandlungspreis

 

Am 31.10.2018 erhält H.P.Willi aus den Händen von Frau Staatsministerin Monika Grütters in Kassel den Deutschen Buchhandlungspreis 2018 in der Kategorie „Hervorragende Buchhandlungen“.

Nähere Informationen: https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/preisverleihung2018/

2019  Zwei weitere Reuchlin-Vorträge

Zwei Vorträge von H.P.Willi zu „Reuchlin, Verteidiger der Juden“: am 20.2.2019 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen und am 27.3.2019 in der Evangelischen Kirchengemeinde in Bad Boll.

2020 Pandemie im ersten Jahr

Am 18.3.2020 muss unsere Buchhandlung wie die meisten Ladengeschäfte wegen der Pandemie-Krise aufgrund staatlicher Anordnung für einen Monat bis zum 19.4.2020 schließen. Nach Monaten der Öffnung führt ein erneuter harter Lockdown am 16.12.2020 zu einer erneuten Schließung. Durch Online-Bestellungen und Lieferdienste bleiben wir in den Lockdown-Zeiten mit unseren Kunden verbunden.

2021 Fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum im zweiten Jahr der Pandemie

Ab 11.1.2021 ist die Abholung zuvor bestellter Bücher an der Ladentür möglich („click & collect“). Am Welttag des Buches 23.4.2021 wird bekannt, dass Buchhandlungen auch in Baden-Württemberg laut Bundesgesetz zu den Geschäften des täglichen Bedarfs gezählt werden und ab 24.4.2021 wieder öffnen dürfen (ähnlich wie schon vom 8.3.-28.3.2021).

Wir danken allen, die uns in dieser Zeit durch Online-Bestellungen und weitere ermutigende Zeichen der Verbundenheit die Treue gehalten haben und halten.

Am 28.9.2021 stirbt Prof. Dr. Eberhard Jüngel mit 86 Jahren in Tübingen. H.P.Willi gedenkt in Dankbarkeit seines Lehrers und Doktorvaters. Die Trauerfeier findet am 11.10.2021 in der Tübinger Stiftskirche statt.

2022 Reuchlin-Gedenkjahr 500. Todestag am 30.6.2022

Im Februar 2022 ist erschienen:

Reuchlin, Johannes: Ratschlag, ob man den Juden alle ihre Bücher nehmen, abtun und verbrennen soll.
Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Herausgegeben:de Boer, Jan-Hendryk. Übersetzung:de Boer, Jan-Hendryk. Reclams Universal-Bibliothek # 14248 . Neuedition und Neuübersetzung. 2022. Sprache: Deutsch 173 S. 148 mm.
978-3-15-014248-6 – Reclam, Ditzingen – KT 6,80 EUR
Ein außergewöhnliches Dokument der Toleranz aus dem Jahr 1510: Reuchlins »Ratschlag« ist ein Plädoyer für die friedliche Koexistenz von Christen und Juden, für die Freiheit des Andersdenkenden und für den Wert des Buches an sich.
Das Gutachten für Kaiser Maximilian I. sprach sich vehement gegen die geplante Einziehung und Vernichtung aller hebräischen Schriften im Reich aus. Es löste den sogenannten Judenbücherstreit aus, die erste große mediale Auseinandersetzung seit der Erfindung des Buchdrucks.
Der Band bietet eine sorgfältige Neuedition mit Übersetzung, Stellenkommentar und Nachwort.

Im März 2022 ist erschienen:

Brod, Max: Johannes Reuchlin und sein Kampf.   Eine historische Monographie. Herausgegeben:Grözinger, Karl.   Max Brod – Ausgewählte Werke. 2022.   Sprache: Deutsch   560 S.   16 Abb..   20 cm.   978-3-8353-5129-5     – Wallstein –  GEB        29,90 EUR       
Max Brods Biographie eines streitbaren humanistischen Gelehrten.Max Brod, eigentlich mehr Erzähler als Historiker, widmete sich intensiv der Lebensgeschichte Johannes Reuchlins (1455-1522), dem mutigen Verteidiger des Talmud, und fügte diese zu einem intellektuellen Panoptikum zusammen. »Vom Wunder wirkenden Wort« – dieser Titel von Johannes Reuchlins erstem Buch über die Kabbala kann als Motto über seinem ganzen Leben stehen, und dies in seiner vielfältigen Bedeutung. Als Richter des schwäbischen Bundes glaubte er an das Recht schaffende Wort, als Diplomat im Dienste des Grafen Eberhard schmiedete er mit Worten Allianzen. Doch waren es die geheimnisvollen hebräischen Wörter, die Reuchlin faszinierten. Als Verfasser einer Grammatik und Deuter ihrer Wundermacht mit dem Wissen der Kabbala, aber auch als katholischer Christ und Begründer der christlichen Kabbala war er Verteidiger und Missionar der Juden zugleich.Max Brod beleuchtet in seiner Biographie Leben und Werk des bedeutenden Humanisten. 1965, unter dem Eindruck der Shoah im Exil in Palästina geschrieben, zeugt dieses Buch dennoch von einer Liebe zur deutschen Sprache, der Hochachtung vor einem den Juden beistehenden Deutschen. Deutlicher wird zudem der Stolz auf die neue hebräische und staatliche Gegenwart.
Max Brod (1884-1968) war vor und nach dem Ersten Weltkrieg einer der bekanntesten Vertreter der Prager deutschsprachigen Literatur, heute ist er vor allem als Herausgeber der Werke Franz Kafkas berühmt.
 

Am 1.4.2022 ist im Feuilleton der FAZ (Seite 11) ein Artikel von Kevin Hanschke zu Reuchlin und speziell zu den Aktivitäten der Stadt Pforzheim erschienen: „Wer will sich ihm vergleichen“.

Am 14.4.2022 wird in der FAZ auf Seite 7 („Bildungswelten“) ein Artikel von H.P.Willi veröffentlicht unter der Überschrift:

„Manifest für Freiheit – Reuchlins >Augenspiegel< ist nun auch in einer zweisprachigen Reclam-Ausgabe zugänglich“.

https://www.faz.net/aktuell/

Zum 500. Todestag von Johannes Reuchlin ist ein Vortrag von Dr. Jan-Hendryk de Boer in der Kreuzkirche Tübingen, Payerstr. 11-13, geplant: am Freitag, 1.7.2022, um 20.00 Uhr. Der Titel des Vortrags lautet: „Warum man Bücher nicht verbrennen darf – Johannes Reuchlin, sein Ratschlag und der Judenbücherstreit“.

Heute

Heute versteht sich H. P. Willi als Fachbuchhandlung für Geisteswissenschaften (v.a. Philosophie, Theologie, Geschichte, Judaica sowie verwandte Gebiete) und Literatur. Auf diesen Gebieten wird das ganze Spektrum angeboten: Neue Bücher (neben den Neuerscheinungen ein in die Breite und Tiefe gehendes Sortiment), Modernes Antiquariat (Sonderausgaben, preisreduzierte Bücher) und – heute eher im Hintergrund – das „klassische“ Antiquariat.

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Wie ich dazu gekommen bin, das Titelblatt eines mehr als 500 Jahre alten Buches als Logo meiner 1996 in Tübingen gegründeten Buchhandlung auszuwählen.

Gemeint ist die Schrift Augenspiegel von Johannes Reuchlin (1455-1522), gedruckt von Thomas Anshelm in Tübingen 1511. Begonnen hat alles mit meinem Interesse an Büchern, und auch der Zufall hat dabei eine Rolle gespielt: So ist mein Logo etwas, das mir auf der Spur, der ich gefolgt bin, zugefallen ist und das ich dankbar aufgenommen habe. Grund genug, nicht nur dankbar innezuhalten, sondern diesen Dank auch einmal auszusprechen. Denn „was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4, 7).

Im Jahr 1982 führte mich das Theologie- und Philosophiestudium zur Stadt und Universität Tübingen, die mir – auch im geistigen Sinne – zur Heimat wurde und in der ich mich entfalten konnte. Zunächst in der Hochschulgruppe der SMD und wenig später in der Tübinger Kreuzkirche fand ich ein geistliches Zuhause. Meinen akademischen Lehrern an der hiesigen Universität, vor allem Prof. Dr. Rüdiger Bubner und Prof. Dr. Eberhard Jüngel, meinem späteren Doktorvater, danke ich ebenso wie meinen Freunden, die ich während meiner Studienzeit in Tübingen kennenlernte. Hier in Tübingen konnte ich eine Buchhandlung gründen, wie sie mir vorschwebte, und hier fand ich voller Dankbarkeit vom Tag meiner Geschäftseröffnung an zahlreiche Kundinnen und Kunden aus der Nähe und aus der Ferne, die mein Angebot zu schätzen wussten. Dankbar erwähne ich meine Kolleginnen und Kollegen im Buchhandel und Verlagswesen, die viel zum geistigen Klima Tübingens beitragen. Insbesondere danke ich Norbert Schuler („Antiquariat Bader“, Tübingen) und Reinhard Schulte (ehemalige „Buchhandlung in der Gartenstraße“, Tübingen), die mich durch ihr Vorbild lehrten, ein Antiquariat und eine Buchhandlung zu führen, sowie meinen früheren und aktuellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Äußerer Anlass für die Aufnahme des Titelblatts von Johannes Reuchlins Augenspiegel in mein Geschäftslogo war das 500-jährige Tübinger Buchdruckjubiläum: Am 24. März 1498 wurde zum ersten Mal in Tübingen ein Buch gedruckt, ein theologisches Werk von Paulus Scriptoris aus der Presse von Johann Otmar, dem Tübinger Erstdrucker. Zu diesem Anlass gab es 1998 das erste Tübinger Bücherfest (2017 fand das 10. Bücherfest statt) sowie eine Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum („Eine Stadt des Buches. Tübingen 1498-1998“, Titelblatt des Augenspiegels im Ausstellungskatalog auf Seite 25). Ich selbst hatte zu diesem Anlass Bücher, die seit 1498 in Tübingen gedruckt oder verlegt worden waren, zusammengetragen und in meinen Antiquariatskatalog Nr. 4 aufgenommen, der zum 24. März 1998 unter dem Titel: „500 Jahre Buchdruck in Tübingen 1498-1998. 500 Bücher aus Tübingen“ erschien. Neben dem Tübinger Erstdruck und vielen anderen Büchern aus der 500-jährigen Buchdrucktradition fand dabei auch Reuchlins Augenspiegel Eingang in den Katalog (Abbildung des Titelblatts auf Seite 16). Davon ausgehend avancierte das Titelblatt von Reuchlins Augenspiegel vor 20 Jahren zum geschäftlichen Logo meiner Buchhandlung; es ist auf der Homepage www.hpwilli.de zu sehen, auf Tüten und Taschen, Bleistiften, Postkarten, Lesezeichen usw. Auch das äußere Erscheinungsbild des Tübinger Ladengeschäfts in der Wilhelmstr. 8 ist davon bestimmt: Das Titelblatt befindet sich auf der gläsernen Eingangstür und auf einer Leuchttafel.

Das außergewöhnlich gestaltete Titelblatt besteht aus einer Montage von Text und Bild. Beide Elemente sind so angeordnet, dass die äußeren Ränder die Gestalt bzw. Umrisse einer Sanduhr annehmen. Direkt unterhalb der engsten Stelle ist in vergrößerter Schrift das Wort „Augenspiegel“ zu lesen: Dieses Wort bildet den (immer wieder zitierten) Haupttitel. Voran gehen Angaben zum Verfasser (Name und Amt) sowie zum Inhalt und Anlass der Schrift. Im unteren Teil steht ein Verweis auf die am Ende des Druckes befindlichen Korrekturen. Direkt unterhalb des Haupttitels Augenspiegel befindet sich das Bild, das eine Brille mit kreisrunden Augengläsern und gebogenem Nasenbügel zeigt, so wie es typisch ist für Brillen aus dieser Zeit. Eine Brille wurde damals „Augenspiegel“ genannt. Der Sinn von Reuchlins Titelgebung liegt auf der Hand: Durch die unter dem Titel Augenspiegel publizierten Texte sollte das, was zuvor undeutlich, verschwommen und verzerrt erschien, klar, scharf und richtig zu sehen sein.

Ich wüsste nicht so leicht ein anderes Buch zu nennen, das in einem vergleichbaren äußeren und inneren Bedeutungsgehalt und Beziehungsreichtum all das in höchster Verdichtung und Konzentration artikuliert und in der Auseinandersetzung bewährt hat, was ich mit meiner Buchhandlung zu meiner Zeit und an meinem Ort sein und zum Ausdruck bringen will. Reuchlin selbst hat in seiner Zeit, in der Bücher sehr kostbar waren, die Formulierung geprägt: „Bücher sind manchen so lieb wie Kinder“. In einem ähnlichen Sinn möchte ich sein Buch Augenspiegel als ein besonders kostbares Geschenk betrachten, das mir im Zuge meiner antiquarischen und buchhändlerischen Tätigkeit zugefallen ist und das ich mir durch die Art und Weise, wie ich meine Buchhandlung zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führe, innerlich aneignen möchte, um es kraft seines inneren Lichtes leuchten zu lassen und all das, was damit verbunden ist, auch an spätere Zeiten und Generationen weiterzugeben.

Am Vorabend der Reformation, wenige Jahre vor den 95 Thesen Martin Luthers, ist Reuchlins Augenspiegel das zentrale Dokument im Streit um die Bücher der Juden, der von 1510 bis 1520 währte und das gesamte gebildete Europa in Atem hielt; noch vor den Stürmen der Reformation stellte er ein „Medienereignis“ dar, das es zuvor in dieser Weise nicht gegeben hatte. Den Kern bildet ein Gutachten, das Reuchlin 1510 auf Anforderung des Kaisers schrieb. Anlass war das Ansinnen eines zum Christentum konvertierten Juden namens Johannes Pfefferkorn, der dafür eintrat, zum Zwecke der Judenmission die Bücher der Juden (mit Ausnahme der biblischen) zu beschlagnahmen und zu verbrennen. Unterstützung erhielt er von der geistlichen Macht in Gestalt der Kölner Dominikaner; zudem suchte er den Beistand der weltlichen Macht des Kaisers. In dieser Situation forderte der Kaiser von verschiedenen Institutionen und Personen fachliche Gutachten an. Reuchlin, „Deutschlands erster Humanist“, sollte Gutachter sein, weil er zum einen ein hoch geachteter Jurist mit diplomatischer Erfahrung und zum anderen ein Gelehrter war, der das Hebräische beherrschte und wie kein christlicher Gelehrter vor ihm die jüdische Literatur erforschte – und so „die Wissenschaft vom Judentum in Europa ins Leben gerufen“ hat (Gershom Scholem). Ungeachtet des geringen Umfangs dieser Schrift, die seinerzeit nur eine einzige Auflage erlebte, ist dieses kleine Büchlein doch schon für die Jahre des Judenbücherstreits bis 1520 von außerordentlicher Bedeutung, da es vielfach rezipiert und sehr kontrovers diskutiert wurde. Aus heutiger Sicht ist es mehr als nur historisch interessant: ein weithin leuchtendes Manifest für Recht, Freiheit und Toleranz. Davon zeugt auch die Reuchlin-Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum, die vom Oktober 2017 bis Februar 2018 zu sehen war, sowie der entsprechende Katalog „Ein Vater neuer Zeit: Reuchlin, die Juden und die Reformation“ (der noch erhältlich ist).

Innerhalb der rechtlich definierten und für alle geltenden Grenzen tritt Reuchlin hervor als ein Verteidiger der Bücher der Juden, aber auch grundsätzlich: als ein Verteidiger der Freiheit, Bücher herzustellen und zu verbreiten, zu besitzen und zu lesen, zu studieren und sich damit geistig auseinanderzusetzen. Der Augenspiegel ist in vielfältiger Hinsicht ein Manifest der Freiheit. Dafür war Reuchlin bereit, sein Können, sein Vermögen, seinen Namen, seine Ehre und sein Leben einzusetzen, wie der lang währende und zermürbende Streit zeigt: Zwar wird er nicht wie später Luther persönlich mit dem Kirchenbann belegt, aber 1520 wird der Augenspiegel durch den Papst verurteilt und Reuchlin muss die Prozesskosten tragen, so dass er wirtschaftlich – und im hohen Alter auch gesundheitlich – ruiniert zurückbleibt.

Als Jurist hat Reuchlin die Juden auf der Basis der zu seiner Zeit geltenden Rechtstexte und Rechtsgrundlagen als gleichberechtigte Mitbürger im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bezeichnet und infolgedessen alles, was sie sind und haben, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis verteidigt. Insofern ist sein Augenspiegel ein Manifest des Rechts.

Reuchlin hat sich im Augenspiegel für die wissenschaftliche Erforschung des Hebräischen eingesetzt. Damit hat Reuchlin das Anliegen Pfefferkorns und seiner Unterstützer geradezu umgekehrt: Auf der Basis seiner Kenntnis der hebräischen Sprache und der jüdischen Literatur (die er kundig in Gattungen einzuteilen verstand) hat er nicht nur eindeutig gegen deren Beschlagnahme und Vernichtung votiert, sondern im Gegenteil die Ausweitung der akademischen Studien der hebräischen Literatur gefordert und entsprechend konkrete Vorschläge zur Institutionalisierung dieser Studien an allen Universitäten gemacht. Und gerade im Judenbücherstreit zeigt sich: In der anerkennenden und wohlwollenden Art und Weise, wie Reuchlin Juden aktiv aufsuchte, ihnen begegnete, mit ihnen und von ihnen sprach, von ihnen bereit war zu lernen, mit ihren Bücherschätzen umging – mit all dem verkörpert Reuchlin geradezu das Idealbild dessen, was heute im Blick auf den Dialog zwischen Christen und Juden und den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen überhaupt zurecht gefordert wird. Reuchlins Grundhaltung ist – nicht nur im Falle der Zustimmung, sondern auch des Widerspruchs – von Anerkennung auf Grundlage wirklicher Kenntnis geprägt. Anerkennung und Kenntnis bedingen einander, gehören unauflöslich zusammen – dafür steht der Name Reuchlins. So wie Reuchlin in die Geschichte des jüdisch-christlichen Dialogs gehört, so gehört er auch in die Geschichte der Wissenschaft und der Toleranz. In diesem Sinne ist Reuchlins Augenspiegel ein im Streit bewährtes Manifest für Recht, Freiheit und Toleranz.

Aus alledem ist hoffentlich ersichtlich, dass ich mit diesem Logo meiner Buchhandlung selbstverständlich keinen Alleinanspruch auf Reuchlins Augenspiegel erhebe, sondern im Gegenteil: Alles ist hier darauf angelegt, für die weitere Verbreitung der Thesen Reuchlins einzutreten, die damit verbundene Geschichte des Judenbücherstreites bekannter zu machen, sie wie Samenkörner so weit wie möglich auszustreuen und mit anderen zu teilen – und das in einer Gegenwart, in der auch mitten in unserem Land Judenhass und Antisemitismus wieder zunehmen und selbst in westlichen Ländern die freie Presse verunglimpft und behindert wird, während „alternative Fakten“ und „fake news“ Konjunktur haben. Reuchlins Augenspiegel hält auch unserer Zeit den Spiegel vor, in dem wir uns selbst erkennen. So wie in den USA das Buch „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury seit vielen Jahren zur Schullektüre gehört und die damit verbundenen Warnungen und Einsichten hoffentlich die Oberhand zurückgewinnen werden, so träume ich davon, dass das Gutachten aus dem Augenspiegel spätestens 2022, im 500. Todesjahr Reuchlins, zeitgemäß ediert in Reclams Universalbibliothek Aufnahme finden und auf diesem Weg in die Schule, in die Universität, in die Allgemeinbildung einsickern wird: um unser aller Bewusstsein für Recht, Freiheit und Toleranz neu zu schärfen und um uns vor Augen zu führen, wie gefährdet Recht, Freiheit und Toleranz immer waren und sind und dass sie immer wieder neu verteidigt und erkämpft werden müssen. In dieser Hinsicht haben Presse, Verlagswesen und Buchhandel nach wie vor viel Verantwortung und können viel Gutes beitragen, in Tübingen und überall in der Welt.

Tübingen, am 22. Mai 2018                                                                Dr. Hans-Peter Willi

Der Text „Wie ich dazu gekommen bin, das Titelblatt eines mehr als 500 Jahre alten Buches als Logo meiner 1996 in Tübingen gegründeten Buchhandlung auszuwählen“ wurde 2018 veröffentlicht in: Gehrke, Claudia; Rogge, Florian: Bücher.  Konkursbuch #55 . 2018.  333 S.  Zahlreiche Abbildungen. Großformatiges Paperback. Klappenbroschur.  ISBN 978-3-88769-255-1  Konkursbuch – KT  16.80 EUR

Soli Deo Gloria!

 

 

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